"Man spürt die Aufbruchsstimmung"
Interview mit Pröpstin Friederike von Kirchbach
"Man spürt die Aufbruchsstimmung" - Interview mit Pröpstin Friederike von Kirchbach
Wie sind Sie mit der bisherigen Resonanz auf "Das Salz der Erde" zufrieden?
Von Kirchbach: Die Kirchenleitung wurde von vielen Seiten angefragt, das Papier vorzustellen. Bei allen Vorträgen, die ich selbst hielt oder miterlebte, war das Publikum immer sehr interessiert. Trotzdem habe ich das Gefühl, wir müssen noch ein bisschen mehr für die Multiplikation tun.
Welches Lob hat Sie bisher am meisten gefreut...
Von Kirchbach: Unsere Landeskirche hat schon viele Veränderungsprozesse hinter sich. Deshalb hatte ich Anzeichen von Ermüdung befürchtet, auch weil "Das Salz der Erde" als ein bloßes Nachhaken im Anschluss an das EKD-Papier "Die Kirche der Freiheit" aufgenommen werden könnte. Aber ganz im Gegenteil. Zum Beispiel hat: Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt-Universität, eine sehr positive Reaktion auf unser Papier in der Kirchenzeitung geschrieben. Man spürt die Aufbruchsstimmung.
... und welche Kritik am meisten überrascht?
Von Kirchbach: Kritik habe ich tatsächlich noch wenig erfahren. Allerdings wird immer wieder gefragt: „Wie wollt ihr das denn jetzt umsetzen?" und "Wer trägt das in die Gemeinden und berät vor Ort?“ Wir brauchen jetzt Men- und Womenpower für die Umsetzung und müssen uns überlegen, wer dafür zur Verfügung steht.
Das Papier erschien bereits kurz vor der Sommerpause. Wie soll es jetzt weitergehen?
Von Kirchbach: Wir haben „Das Salz der Erde“ an die synodalen Ausschüsse weitergegeben und werden es auf der Herbstsynode diskutieren. Außerdem wird es – wie im Papier angekündigt - Workshops zu den vier Schwerpunktbereichen geben. Aber noch befinden wir uns in der Phase der Rezeption und des Kennenlernens.
Werden die Workshops zentrale Veranstaltungen sein, zu denen die Gemeinden Delegierte schicken?
Von Kirchbach: Dazu gibt es noch keine abschließenden Überlegungen. Sinnvoll wäre, über die Synodalen hinaus, weitere Personen anzusprechen und neue Beteiligungsformen auszuprobieren, beispielsweise in den Kirchenkreisen.
Ist „ Das Salz der Erde“ so etwas wie die Umsetzung des Impulspapiers der EKD?
Von Kirchbach: Generell verstehe ich das Reformpapier der EKBO schon als eine Umsetzung des EKD-Papiers. Aber zunächst waren die Prozesse nicht auf einander abgestellt. Im Gegenteil. Einige von uns in der Perspektivkommission waren sehr überrascht, als "Die Kirche der Freiheit" im Sommer letzten Jahres erschien. Zuerst war dieses EKD-Papier fast demotivierend, weil da schon viel von dem, was wir sagen wollten, stand. Aber dann haben wir festgestellt, dass es viele Parallelen gibt und damit Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Wichtig ist, dass wir die vier biblischen Motive des Impulspapieres als Ziele auch für uns übernommen haben.
Gibt es auch grundlegende Unterschiede?
Von Kirchbach: Wir sind für die Situation in unserer Landeskirche sehr viel konkreter, betreiben die Ist-Analysen sehr genau und entwickeln daraus Vorgaben zur Reform.
Haben Sie keine Angst, dass die Menschen, die sich mittlerweile ein Jahr mit dem EKD-Papier beschäftigten haben, der Papiere langsam müde werden?
Von Kirchbach: Persönlich habe ich diese Erfahrung bisher nicht gemacht. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es auch Menschen oder Gremien gibt, bei denen bereits eine gewisse Ermüdung eingesetzt hat. Andererseits war das EKD-Papier ja nicht der erste Versuch, etwas zu verändern. Es finden ja schon seit einiger Zeit Struktur- und Veränderungsprozesse in unserer Landeskirche statt und wir haben auch in den Kirchenkreisen extreme Strukturveränderungen. Viele Themen, die in dem Papier angesprochen sind, sind ja auch schon längst im Gespräch oder in der Umsetzung - ob es nun das Thema Religionsunterricht ist oder die Frage der Mitarbeiterführung. Insofern geben wir in einer Situation, die ohnehin schon sehr beweglich ist, nun noch einen weiteren Impuls.
Für die Kirchenkreise sieht das Strategiepapier in Zukunft eine stärkere Rolle vor. Statt wie bisher nur einen Organisationsrahmen zu bieten, sollen sie nun stärker gestalten?
Von Kirchbach: Die Veränderungsprozesse in den Kirchenkreisen führen häufig zu Fusionsgedanken. Diese Prozesse aufnehmend, haben wir uns gefragt, wie ein lebensfähiger Kirchenkreis in der Zukunft strukturiert sein sollte: die Zahl der Gemeindeglieder und eine entsprechende Stellenausstattung des Superintendentenamtes sind dabei wichtige Faktoren. Unter einer gewissen Gemeindegliederzahl kann ein Kirchenkreis bestimmte Aufgaben – zum Beispiel in der Kirchenmusik oder Jugendarbeit - kaum noch leisten und die Pfarrer können sich nicht mehr gegenseitig vertreten. Wenn es um die nötigen Veränderungen geht, müssen die Gemeindekirchenräte, die Kreiskirchenräte und die Kreissynoden in die Pflicht genommen werden. Dort muss Partizipation möglich sein, dort müssen Entscheidungen fallen. Um gestalten zu können braucht es eine kritische Größe: dieses Bewusstsein muss in den Kirchenkreisen selbst entstehen.
Und was passiert mit Gemeinden und Kirchenkreisen, die sich den Reformbestrebungen verweigern? Was kann man tun, um sie nicht zu verlieren, sondern doch noch einzubinden?
Von Kirchbach: Das hängt von den Kreiskirchenräten und Kreissynoden ab - und davon wie funktionsfähig und tragfähig sie vernetzt sind. Sie müssen demokratische Abstimmungsprozesse mit den Menschen im Kirchenkreis leisten, die dann vor Ort umgesetzt werden müssen. Ich habe schon manches Misstrauen im Bezug auf unsere Gremien gehört und erlebe es immer wieder, dass uns autoritäres Machtverhalten vorgeworfen wird. Aber ich finde sie immer noch das beste, demokratisch legitimierte Modell.
Im „Das Salz der Erde“ wird beklagt, dass die Außenwahrnehmung von Kirche besser sei als das Bild, das wir uns intern machen.
Von Kirchbach: Diese Hassliebe zu unserer Kirche ist sehr protestantisch. Unsere katholischen Schwestern und Brüder - die sich so gebeutelt fühlen von ihren Bischöfen - stehen dagegen im Ernstfall zu ihrer Kirche. Dass sie so etwas wie wirkliche Liebe zu ihrer Kirche entwickeln können, ist auch eine ekklesiologische Frage. Natürlich sagt jeder ordentliche Protestant: „ Ich muss meine Kirche nicht lieben“. Es ist das individuelle Gegenüber zum eigenen Gott, das den Protestantismus trägt. Ich erlebe es ja auch an mir selber manchmal, dass ich eine unglaubliche Distanz entwickeln kann zu meiner Kirche; dass auch ich nicht frei bin von diesem Infekt. Aber es wäre durchaus keine Katastrophe, wenn wir lernen unsere Kirche zu lieben. Und wie wir tagtäglich in unseren Familien erleben können, ist es möglich, Dinge verändern zu wollen, zu kritisieren und Konflikte auszutragen - und trotzdem zu lieben. Am ehesten können wir dem protestantischen Hang zur Hassliebe entgegen treten in dem wir alle mehr für unsere positive Außenwahrnehmung als Kirche tun. Ich würde übrigens jedem Haupt- und Ehrenamtlichen empfehlen, sich auch ordentlich im säkularen Raum zu engagieren.
Bildung ist einer der Bereiche, in denen Kirche die Außenorientierung sucht und den die Autoren des Papiers deshalb stärken möchten. Welche Perspektiven sehen Sie?
Von Kirchbach: Auf der einen Seite ist es unser Ziel, unsere Präsenz als Kirche in den Schulen zu stärken. Der Religionsunterricht ist uns deshalb ebenso wichtig wie der Ausbau von Angeboten und Projekten nahe bei den Schulen. Wir haben aber auch viel Sympathie für die DDR-Tradition, die die gemeindliche Kinder- und Jugendarbeit als bewusstes Gegenüber zu schulischen Angeboten versteht. Diesen Spagat merkt man dem Papier auch an. Aber uns allen ist klar, dass unsere Zukunft als Kirche auch davon abhängt, wie es uns gelingt, im Bildungsbereich präsent zu sein und Kinder und Jugendliche zu erreichen. Kindergärten, Schulen und Religionsunterricht sind die Themen der Zukunft.
Zur Zeit leisten wir 100 % unserer Arbeit für die aktiven 15 % Mitglieder in unseren Kerngemeinden. In „Das Salz der Erde“ fordern Sie, dass wir statt dessen in Zukunft 50 % unserer Arbeitskraft jenen Mitgliedern widmen sollten, die ihrer Kirche eher fern stehen. Für die Öffentlichkeitsarbeit ist das selbstverständlich - aber wie kann eine Küsterin oder ein Pfarrer das umsetzen?
Von Kirchbach: Wir haben unendlich viele Termine, bei denen wir unter uns sind: wir mögen uns dann auch alle sehr, aber es passiert nicht viel Neues. Ich versuche inzwischen Termine, bei denen ich mehrheitlich mit Menschen zusammen bin, die nichts mit Kirche zu tun haben zu bevorzugen. Wir müssen mehr nach draußen gehen, selbst in jene Bereiche der Gesellschaft, wo wir uns manchmal ein wenig einsam und kurios fühlen als gläubige Christen. Und wir müssen dort erkennbar sein.
Einen weiteren Schwerpunkt setzt das Perspektivpapier auf Fragen der Personalführung und des Controllings; seine Sprache ist hier durchsetzt mit betriebswirtschaftlichen Begriffen. Legitimieren wir mit ihrer Übernahme nicht indirekt die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die wir andernorts beklagen?
Von Kirchbach: Diese Sprache hat eine gewisse Kälte und gerade die mag ich an ihr. Sie ist präzise und benennt auch Mängel. Ich kenne unendlich viele interne Papiere in unserer Kirchensprache, mit denen wir gar nichts bewirken. Zum Beispiel erschien im Jahr 2000 erschien eine sehr gute EKD-Handreichung zum Dialog mit den Muslimen in warmer, werbender Kirchensprache; kein Mensch hat sie wahrgenommen. Die neue Handreichung zum gleichen Thema „Klarheit und gute Nachbarschaft“ ist dagegen in deutlicher Sprache formuliert und nennt die Probleme beim Namen - schon hören alle hin und schreien auf. Ich glaube, um Veränderung anzugehen hilft es manchmal, die Dinge mit Schärfe auf den Punkt zu bringen.
Was bedeutet das für die Mitarbeiter?
Von Kirchbach: Gerade in der Personalführung sind wir Konflikten bisher oft zu lange ausgewichen. Statt dessen sollten wir auch Konkurrenz zulassen und damit den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, sowohl die eigenen Talente als auch die eigenen Schwächen wahrzunehmen. So können sie sich einen Platz suchen, wo ihre Talente gebraucht werden und ihre Schwächen nicht soviel Unheil anrichten.
Übrigens hat jeder Mensch Stärken und Schwächen.
Wie dem EKD-Papier geht es Ihnen also auch um eine bessere Qualität unserer Arbeit?
Von Kirchbach: Ja, Und wir müssen lernen, zwischen Qualität und Quantität besser zu unterscheiden. Das ist einer der Punkte, zu dem es sicher großen Diskussionsbedarf geben wird. Denn aus meinem eigenen Alltag weiß ich, wie schwer es fällt um der Qualität des einen willen auf das andere zu verzichten. Aber es ist ein Gewinn wenn man sagen kann: Da ist ein großes Gemeindefest und auf das leben wir jetzt hin und dafür lassen wir andere Dinge weg.
Mit Blick auf die Besucher der Gottesdienste dagegen schätzt „Das Salz der Erde“ Quantitäten durchaus und fordert auch gleich eine Steigerung um 10%. Wie soll das erreicht werden? Etwa durch Eventgottesdienste nach amerikanischem Vorbild?
Von Kirchbach: Wir streben keinen amerikanischen Vorbildern nach, aber an die Forderung nach höheren Besucherzahlen koppelt sich fraglos die Erwartung, dass die Gottesdienst einladender werden. Ich finde es richtig, dass das Papier hier die Messlatte hoch legt. Selbst in unseren Kerngemeinden geht ja nur ein geringer Prozentsatz der Mitglieder regelmäßig zu den Gottesdiensten. Aber sie sind unser Kerngeschäft und das müssen wir ordentlich machen. Hoffentlich gelingt es, sie wieder so attraktiv und ausstrahlungsfähig zu machen, dass die Menschen sie gern und lustvoll besuchen. Die Gottesdienste müssen wieder zur Mitte des Gemeindelebens werden.
Das Interview führten:
Ebba Zimmermann, Ev. Kirchenkreis Neukölln und Sabine Küster, Ev. Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf
Wie sind Sie mit der bisherigen Resonanz auf "Das Salz der Erde" zufrieden?
Von Kirchbach: Die Kirchenleitung wurde von vielen Seiten angefragt, das Papier vorzustellen. Bei allen Vorträgen, die ich selbst hielt oder miterlebte, war das Publikum immer sehr interessiert. Trotzdem habe ich das Gefühl, wir müssen noch ein bisschen mehr für die Multiplikation tun.
Welches Lob hat Sie bisher am meisten gefreut...
Von Kirchbach: Unsere Landeskirche hat schon viele Veränderungsprozesse hinter sich. Deshalb hatte ich Anzeichen von Ermüdung befürchtet, auch weil "Das Salz der Erde" als ein bloßes Nachhaken im Anschluss an das EKD-Papier "Die Kirche der Freiheit" aufgenommen werden könnte. Aber ganz im Gegenteil. Zum Beispiel hat: Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt-Universität, eine sehr positive Reaktion auf unser Papier in der Kirchenzeitung geschrieben. Man spürt die Aufbruchsstimmung.
... und welche Kritik am meisten überrascht?
Von Kirchbach: Kritik habe ich tatsächlich noch wenig erfahren. Allerdings wird immer wieder gefragt: „Wie wollt ihr das denn jetzt umsetzen?" und "Wer trägt das in die Gemeinden und berät vor Ort?“ Wir brauchen jetzt Men- und Womenpower für die Umsetzung und müssen uns überlegen, wer dafür zur Verfügung steht.
Das Papier erschien bereits kurz vor der Sommerpause. Wie soll es jetzt weitergehen?
Von Kirchbach: Wir haben „Das Salz der Erde“ an die synodalen Ausschüsse weitergegeben und werden es auf der Herbstsynode diskutieren. Außerdem wird es – wie im Papier angekündigt - Workshops zu den vier Schwerpunktbereichen geben. Aber noch befinden wir uns in der Phase der Rezeption und des Kennenlernens.
Werden die Workshops zentrale Veranstaltungen sein, zu denen die Gemeinden Delegierte schicken?
Von Kirchbach: Dazu gibt es noch keine abschließenden Überlegungen. Sinnvoll wäre, über die Synodalen hinaus, weitere Personen anzusprechen und neue Beteiligungsformen auszuprobieren, beispielsweise in den Kirchenkreisen.
Ist „ Das Salz der Erde“ so etwas wie die Umsetzung des Impulspapiers der EKD?
Von Kirchbach: Generell verstehe ich das Reformpapier der EKBO schon als eine Umsetzung des EKD-Papiers. Aber zunächst waren die Prozesse nicht auf einander abgestellt. Im Gegenteil. Einige von uns in der Perspektivkommission waren sehr überrascht, als "Die Kirche der Freiheit" im Sommer letzten Jahres erschien. Zuerst war dieses EKD-Papier fast demotivierend, weil da schon viel von dem, was wir sagen wollten, stand. Aber dann haben wir festgestellt, dass es viele Parallelen gibt und damit Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Wichtig ist, dass wir die vier biblischen Motive des Impulspapieres als Ziele auch für uns übernommen haben.
Gibt es auch grundlegende Unterschiede?
Von Kirchbach: Wir sind für die Situation in unserer Landeskirche sehr viel konkreter, betreiben die Ist-Analysen sehr genau und entwickeln daraus Vorgaben zur Reform.
Haben Sie keine Angst, dass die Menschen, die sich mittlerweile ein Jahr mit dem EKD-Papier beschäftigten haben, der Papiere langsam müde werden?
Von Kirchbach: Persönlich habe ich diese Erfahrung bisher nicht gemacht. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es auch Menschen oder Gremien gibt, bei denen bereits eine gewisse Ermüdung eingesetzt hat. Andererseits war das EKD-Papier ja nicht der erste Versuch, etwas zu verändern. Es finden ja schon seit einiger Zeit Struktur- und Veränderungsprozesse in unserer Landeskirche statt und wir haben auch in den Kirchenkreisen extreme Strukturveränderungen. Viele Themen, die in dem Papier angesprochen sind, sind ja auch schon längst im Gespräch oder in der Umsetzung - ob es nun das Thema Religionsunterricht ist oder die Frage der Mitarbeiterführung. Insofern geben wir in einer Situation, die ohnehin schon sehr beweglich ist, nun noch einen weiteren Impuls.
Für die Kirchenkreise sieht das Strategiepapier in Zukunft eine stärkere Rolle vor. Statt wie bisher nur einen Organisationsrahmen zu bieten, sollen sie nun stärker gestalten?
Von Kirchbach: Die Veränderungsprozesse in den Kirchenkreisen führen häufig zu Fusionsgedanken. Diese Prozesse aufnehmend, haben wir uns gefragt, wie ein lebensfähiger Kirchenkreis in der Zukunft strukturiert sein sollte: die Zahl der Gemeindeglieder und eine entsprechende Stellenausstattung des Superintendentenamtes sind dabei wichtige Faktoren. Unter einer gewissen Gemeindegliederzahl kann ein Kirchenkreis bestimmte Aufgaben – zum Beispiel in der Kirchenmusik oder Jugendarbeit - kaum noch leisten und die Pfarrer können sich nicht mehr gegenseitig vertreten. Wenn es um die nötigen Veränderungen geht, müssen die Gemeindekirchenräte, die Kreiskirchenräte und die Kreissynoden in die Pflicht genommen werden. Dort muss Partizipation möglich sein, dort müssen Entscheidungen fallen. Um gestalten zu können braucht es eine kritische Größe: dieses Bewusstsein muss in den Kirchenkreisen selbst entstehen.
Und was passiert mit Gemeinden und Kirchenkreisen, die sich den Reformbestrebungen verweigern? Was kann man tun, um sie nicht zu verlieren, sondern doch noch einzubinden?
Von Kirchbach: Das hängt von den Kreiskirchenräten und Kreissynoden ab - und davon wie funktionsfähig und tragfähig sie vernetzt sind. Sie müssen demokratische Abstimmungsprozesse mit den Menschen im Kirchenkreis leisten, die dann vor Ort umgesetzt werden müssen. Ich habe schon manches Misstrauen im Bezug auf unsere Gremien gehört und erlebe es immer wieder, dass uns autoritäres Machtverhalten vorgeworfen wird. Aber ich finde sie immer noch das beste, demokratisch legitimierte Modell.
Im „Das Salz der Erde“ wird beklagt, dass die Außenwahrnehmung von Kirche besser sei als das Bild, das wir uns intern machen.
Von Kirchbach: Diese Hassliebe zu unserer Kirche ist sehr protestantisch. Unsere katholischen Schwestern und Brüder - die sich so gebeutelt fühlen von ihren Bischöfen - stehen dagegen im Ernstfall zu ihrer Kirche. Dass sie so etwas wie wirkliche Liebe zu ihrer Kirche entwickeln können, ist auch eine ekklesiologische Frage. Natürlich sagt jeder ordentliche Protestant: „ Ich muss meine Kirche nicht lieben“. Es ist das individuelle Gegenüber zum eigenen Gott, das den Protestantismus trägt. Ich erlebe es ja auch an mir selber manchmal, dass ich eine unglaubliche Distanz entwickeln kann zu meiner Kirche; dass auch ich nicht frei bin von diesem Infekt. Aber es wäre durchaus keine Katastrophe, wenn wir lernen unsere Kirche zu lieben. Und wie wir tagtäglich in unseren Familien erleben können, ist es möglich, Dinge verändern zu wollen, zu kritisieren und Konflikte auszutragen - und trotzdem zu lieben. Am ehesten können wir dem protestantischen Hang zur Hassliebe entgegen treten in dem wir alle mehr für unsere positive Außenwahrnehmung als Kirche tun. Ich würde übrigens jedem Haupt- und Ehrenamtlichen empfehlen, sich auch ordentlich im säkularen Raum zu engagieren.
Bildung ist einer der Bereiche, in denen Kirche die Außenorientierung sucht und den die Autoren des Papiers deshalb stärken möchten. Welche Perspektiven sehen Sie?
Von Kirchbach: Auf der einen Seite ist es unser Ziel, unsere Präsenz als Kirche in den Schulen zu stärken. Der Religionsunterricht ist uns deshalb ebenso wichtig wie der Ausbau von Angeboten und Projekten nahe bei den Schulen. Wir haben aber auch viel Sympathie für die DDR-Tradition, die die gemeindliche Kinder- und Jugendarbeit als bewusstes Gegenüber zu schulischen Angeboten versteht. Diesen Spagat merkt man dem Papier auch an. Aber uns allen ist klar, dass unsere Zukunft als Kirche auch davon abhängt, wie es uns gelingt, im Bildungsbereich präsent zu sein und Kinder und Jugendliche zu erreichen. Kindergärten, Schulen und Religionsunterricht sind die Themen der Zukunft.
Zur Zeit leisten wir 100 % unserer Arbeit für die aktiven 15 % Mitglieder in unseren Kerngemeinden. In „Das Salz der Erde“ fordern Sie, dass wir statt dessen in Zukunft 50 % unserer Arbeitskraft jenen Mitgliedern widmen sollten, die ihrer Kirche eher fern stehen. Für die Öffentlichkeitsarbeit ist das selbstverständlich - aber wie kann eine Küsterin oder ein Pfarrer das umsetzen?
Von Kirchbach: Wir haben unendlich viele Termine, bei denen wir unter uns sind: wir mögen uns dann auch alle sehr, aber es passiert nicht viel Neues. Ich versuche inzwischen Termine, bei denen ich mehrheitlich mit Menschen zusammen bin, die nichts mit Kirche zu tun haben zu bevorzugen. Wir müssen mehr nach draußen gehen, selbst in jene Bereiche der Gesellschaft, wo wir uns manchmal ein wenig einsam und kurios fühlen als gläubige Christen. Und wir müssen dort erkennbar sein.
Einen weiteren Schwerpunkt setzt das Perspektivpapier auf Fragen der Personalführung und des Controllings; seine Sprache ist hier durchsetzt mit betriebswirtschaftlichen Begriffen. Legitimieren wir mit ihrer Übernahme nicht indirekt die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die wir andernorts beklagen?
Von Kirchbach: Diese Sprache hat eine gewisse Kälte und gerade die mag ich an ihr. Sie ist präzise und benennt auch Mängel. Ich kenne unendlich viele interne Papiere in unserer Kirchensprache, mit denen wir gar nichts bewirken. Zum Beispiel erschien im Jahr 2000 erschien eine sehr gute EKD-Handreichung zum Dialog mit den Muslimen in warmer, werbender Kirchensprache; kein Mensch hat sie wahrgenommen. Die neue Handreichung zum gleichen Thema „Klarheit und gute Nachbarschaft“ ist dagegen in deutlicher Sprache formuliert und nennt die Probleme beim Namen - schon hören alle hin und schreien auf. Ich glaube, um Veränderung anzugehen hilft es manchmal, die Dinge mit Schärfe auf den Punkt zu bringen.
Was bedeutet das für die Mitarbeiter?
Von Kirchbach: Gerade in der Personalführung sind wir Konflikten bisher oft zu lange ausgewichen. Statt dessen sollten wir auch Konkurrenz zulassen und damit den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, sowohl die eigenen Talente als auch die eigenen Schwächen wahrzunehmen. So können sie sich einen Platz suchen, wo ihre Talente gebraucht werden und ihre Schwächen nicht soviel Unheil anrichten.
Übrigens hat jeder Mensch Stärken und Schwächen.
Wie dem EKD-Papier geht es Ihnen also auch um eine bessere Qualität unserer Arbeit?
Von Kirchbach: Ja, Und wir müssen lernen, zwischen Qualität und Quantität besser zu unterscheiden. Das ist einer der Punkte, zu dem es sicher großen Diskussionsbedarf geben wird. Denn aus meinem eigenen Alltag weiß ich, wie schwer es fällt um der Qualität des einen willen auf das andere zu verzichten. Aber es ist ein Gewinn wenn man sagen kann: Da ist ein großes Gemeindefest und auf das leben wir jetzt hin und dafür lassen wir andere Dinge weg.
Mit Blick auf die Besucher der Gottesdienste dagegen schätzt „Das Salz der Erde“ Quantitäten durchaus und fordert auch gleich eine Steigerung um 10%. Wie soll das erreicht werden? Etwa durch Eventgottesdienste nach amerikanischem Vorbild?
Von Kirchbach: Wir streben keinen amerikanischen Vorbildern nach, aber an die Forderung nach höheren Besucherzahlen koppelt sich fraglos die Erwartung, dass die Gottesdienst einladender werden. Ich finde es richtig, dass das Papier hier die Messlatte hoch legt. Selbst in unseren Kerngemeinden geht ja nur ein geringer Prozentsatz der Mitglieder regelmäßig zu den Gottesdiensten. Aber sie sind unser Kerngeschäft und das müssen wir ordentlich machen. Hoffentlich gelingt es, sie wieder so attraktiv und ausstrahlungsfähig zu machen, dass die Menschen sie gern und lustvoll besuchen. Die Gottesdienste müssen wieder zur Mitte des Gemeindelebens werden.
Das Interview führten:
Ebba Zimmermann, Ev. Kirchenkreis Neukölln und Sabine Küster, Ev. Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf
Herbstsynode 2009
Die Herbstsynode des Evangelischen Kirchenkreises Neukölln beschäftigt sich auf ihrer Tagung am Freitag, dem 9. und Samstag, dem 10. Oktober, in der Dreieinigkeitsgemeinde mit dem Theme "Migration und Integration.
Abkürzungen
A: Abendmahl im Gottesdienst
aA: anschl. Abendmahl
Ad: Andacht
AoA: Abendmahl ohne Alkohol
Bei: Beichte
F: Familiengottesdienst
FG: Friedensgebet
GK: Goldene Konfirmation
GV: Gemeindeversammlung
J: Jugendgottesdienst
K: Konfirmation
k.A.: keine Angaben
k.Gd.: kein Gottesdienst
Mu: musikalischer Gottesdienst
N: Nachbesprechung
Ök: ökumenischer Gottesdienst
Reg: Regional-Gottesdienst
T: Taufe
V: Vesper
Ws: Wochenschlussandacht
aA: anschl. Abendmahl
Ad: Andacht
AoA: Abendmahl ohne Alkohol
Bei: Beichte
F: Familiengottesdienst
FG: Friedensgebet
GK: Goldene Konfirmation
GV: Gemeindeversammlung
J: Jugendgottesdienst
K: Konfirmation
k.A.: keine Angaben
k.Gd.: kein Gottesdienst
Mu: musikalischer Gottesdienst
N: Nachbesprechung
Ök: ökumenischer Gottesdienst
Reg: Regional-Gottesdienst
T: Taufe
V: Vesper
Ws: Wochenschlussandacht
Bestellen
Die Druckversion der KirchenkreisInfo schicken wir Ihnen gerne zu. Einfach bestellen - per Email: oeffentlichkeitsarbeit@kk-neukoelln.de oder Telefon: 030/689 04 208
Freizeitheim Halbe
Unser Gästehaus im Erholungsgebiet Dahmer Seen bietet Platz für Kindergruppen, Kirchenchöre und Gemeindefreizeiten
Weitere Infos gibt es hier
Ev. Schule Neukölln
Veranstaltungssuche
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Kirche im Dorf
Kirche im Hochhausviertel
Kirche im Umland
Ralf Meister
"Warum wir von den Räumen nicht lassen können": Impulsreferat
auf der Frühjahrssynode 2010Zum Vortrag hier klicken
"Neukölln ist größer als seine Problem-Kieze"
Zum Interview hier klicken
Friederike von Kirchbach
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